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Problem: Poesie oder Lenin?

aufgegriffen von
Frank Zappa
am 26.01.2015

Ich schickte neulich einem Freund von mir ein von mir verfasstes Gedicht, das damit endet, dass ein einsamer König verzweifelt den Satz schreit: "Poesie oder Lenin?". Er antwortete mir später, dass er gerne eine Kombination aus beiden hätte. Da ist mir klargeworden, was ich mit diesem Satz eigentlich meinte...
Poesie oder Lenin... das ist natürlich eine Metapher, für zwei Dinge, die, wenn man sie genauer betrachtet, scheinbar das selbe Ziel haben und die vielleicht anfangs banal scheint, aber mir eine Sichtweise eröffnet hat, die mir zu denken gibt. Ich betone: "scheinbar" haben beide das selbe Ziel. "Lenin" ist im allerbesten Fall altruistisch (auf Kosten hundertausender und millionen Toter im Laufe der Jahrtausende), während "wahre" Poesie einfach Emotion wäre, tatsächliche "Liebe", statt einfach nur "Nächstenliebe". Politik ist der Versuch der Übertrragung von dem Menschen innewohnener mathematische Prinzipien auf das harmonische Funktionieren der Gesellschaft und der gesamten Menschheit.
Poesie kann dagegen der Versuch der Organisation der Menschheit mit den Mitteln der Harmonie sein. Dabei ist, ganz wie Leonardo Sciascia es gesagt hat, Poesie keinesfalls unschuldig oder - ich würde sagen - von allen politischen Versuchen der Menschheit der am wenigsten schuldigbehaftete... Das ist übrigens keine Abwertung der Politik - aber es ist eine (vor allem historische) Einordnung.

Poesie oder Lenin - ohne Poesie kann politische Propaganda nicht funktionieren. Aber Poesie ist auch beeinflusst von einer gewissen "Politik" (die wir in diesem Fall gerne "Mentalität" nennen, aber das gleiche bedeutet). Die Sixtinische Kapelle und alle ihre Abbildungen könnten heute völlig ausgelöscht werden - aber dennoch hätte sich die Ästhetik von Michelangelo so sehr in unser überindividuelles kulturelles Gedächtnis eingebrannt, dass seine Spuren noch in Jahrhunderten und vielleicht Jahrtausenden deutlich spürbar blieben, wohingegen die Vorstellungen und (moralischen) Prinzipien, die wir mit gewissen politischen Systemen verbinden, doch sehr instabil und willkürlich wirken.
Die Politik hat das in Ansätzen begriffen und sich an der Kunst vergriffen - für ihre politische Ästhetik: Parteisymbole, (polit.-propagandistische) Filme und Musik, der Einsatz von Farben, Klängen, Mode und Fernsehbildern, usw. usw. hinterlassen teilweise bei uns einen starken Eindruck.

Aber wahre Ästhetik lässt sich nicht instrumentalisieren und vergewaltigen! Und sie verweist deswegen immer auf eine völlig andere Gesellschaft als auf diejenige, in der wir momentan leben. Das ist natürlich ein 'Problem... zumindest für all diejenigen, die am Erhalt gewisser gesellschaftlicher Zustände interessiert sind.
Aus diesem Grund glaube ich, dass es einen (vielleicht hauptsächlich unbewusst geführten) Prozess der Ent-ästehtisierung in der Bevölkerung gibt, bzw. die Umerziehung zu einer gewissen Ästhetik, die mit gewissen gesellschaftlichen Prinzipien korrespondiert. Vereinfacht gesagt: heute setzt man auf Effekthascherei und sog. "Blickfänger", die schnell die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.. und schnell wieder verlieren... statt auf echte Kunst, deren Genuss sich nur mit Muße und Zeit entwickeln kann. Die Neuen Medien spielen dabei natürlich den Barbaren in die Hände, denn hier muss alles schnell gehen: man liest kurze Texte, man schaut kurze Videos, man reagiert auf einfach gehaltene Bilder - und jeder kennt das Obama-Hope-Plakat, weil es einfach strukturiert und einprägsam ist (aber eigentlich völlig inhaltlich bedeutungslos), während ein Bild von Tizian niemals den gleichen Effekt hervorrufen kann, weil es mehr Bedarf als eines kurzen Blickes und oberflächlicher Kenntnisse von sich selbst und der Gesellschaft.

Am Ende ist es aber die Ästhetik, die die revolutionären Kräfte und Ideen in uns unterstützen und ausdrücken kann. Banal (und gefährlich vereinfachend) ausgedrückt: Wer die Schönheit kennt, der wird sich nicht mit vielen nutz- und sinnlosen Hässlichkeiten unserer Gesellschaft nicht mehr zufrieden geben.
Aber die Hässlichkeit wird zu unserer neuen Ästhetik und scheint uns damit "alternativlos", genauso wie unser Wirtschaftssystem oder die Demokratie oder die Tatsache, dass wir Gemüse aus spanischen Gewächshäusern zu konsumieren gewzungen werden. Wer gewisse Aspekte der Menschlichkeit kennt, der wird keine Unmenschlichkeit akzeptieren. Wer die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen kennt, der wird auch die Ausbreitung von Blödheit und Dummheit nicht wortlos hinnehmen und akzeptieren. Wer sich selbst kennt, der wird nicht hinnehmen, unterdrückt zu werden und in ein System gepresst zu werden, das sich ständig inhuman verhält, selbst wenn es von sich stets das Gegenteil behauptet. Und wer die Ästhetik der Welt begreift, wer ihre Schönheit kennt und die Möglichkeiten, die in ihr stecken, wer sieht, was ein Michelangelo, ein da Vinci, ein Caravaggio, ein Bernini, usw. zu leisten imstande waren, der wird nicht die Hässlichkeiten der sogenannten "modernen" Welt akzeptieren, sondern der wird sie als rückständig und retadiert empfinden und wird sich voller Wut gegen sie werfen. So wie wir erst unser räumliches Sehen und unsere Körperfunktionen schulen müssen, bevor wir irgendwann den Führerschein machen, so müssen wir erst unsere Ästhetik schulen und erlernen, bevor wir bereit sind, politisch eine neue Welt und Gesellschaft zu formen. Vielleicht beginnt die Revolution im Museum!

letzte Aktivität: 17.10.2017, 16:49

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