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Problem: leben zwischenräume

maria reinecke

aufgegriffen von
maria reinecke
am 15.01.2015

Zitat 1:
"Das Leben liegt in den Zwischenräumen jeder lebendigen Zelle und in den Zwischenräumen des Gehirns verborgen." (A. N. Whitehead, „Prozess und Realität“)

Zitat 2:
"Man hat zwar Einsichten, welche Gehirnzentren aktiv sind, wenn wir verschiedene Bewusstseinszustände erleben, und man versteht inzwischen ziemlich gut die Vorgänge auf der zellulären und molekularen Ebene. Das größte Rätsel ist aber das Geschehen dazwischen: Was genau passiert beim Zusammenspiel von Millionen und Milliarden von Nervenzellen, so dass bewusstes Erleben entsteht." (Gerhard Roth, „Aus Sicht des Gehirns“)



Die beiden Zitate signalisieren: in den Zwischenräumen geschieht Wesentliches, Geheimnisvolles, Rätselhaftes; in ihnen liegt das Wunder der Schöpfung oder das open end einer unauslotbaren Welt-Wirklichkeit, egal ob es sich dabei um das heftige Verhalten von Molekülen und Energiequanten in einem Stein handelt; um die materiale Verflüchtigung von Sternen oder um hochkomplexe neuronale Ereignisse im menschlichen Gehirn mit ihren Verknüpfungen und einhergehenden ständigen Veränderungen und Wechselwirkungen auf jede entfernteste Zelle des Körpers - einer Art "Vergeistigung des Körpers", wie Antonio Damasio das in seinem Buch Descartes' Irrtum nennt.

Der Ablauf der Dinge ist nicht ihr Wert; was dazwischen liegt und kaum aussagbar ist und doch mitschwingt bei allem, was geschieht, verweist auf eine Wirklichkeit, die mehr und anderes bereithält als nur das vermeintlich Feste und Starre, Objektive, Quantifizierbare, Kalkulierbare. Seit Beginndes 20.Jahrhunderts öffnen Zweige der Wissenschaften spaltweise
den Blick in die Lücken des bloßen Ablaufs der Dinge und geraten so in die Nähe dessen, was in der Weisheitsgeschichte der Menschheit von jeher Ausgangspunkt „wissenden“ Staunens und Denkens war: das Geheimnis einer vernunftdurchwirkten Schöpfung; einer umfassenden Wirklichkeit, die "unabgeschlossen ist, d. h. durch keinen Zugang erschöpfend begriffen werden kann und daher auch nicht auf einen reduziert werden darf". (Gesine Schwan, Mut zur Weite der Vernunft, 2006).

Interdisziplinäres Denken und Forschen zielt auf diese Zwischenräume.

Die offene, dynamisch-flexible, relationale Struktur des "Zwischenräumlichen" kann auf alle Lebensbereiche übertragen werden, z.B. kann das Leben selbst als ein Zwischenraum betrachtet werden: es vollzieht sich zwischen Geburt und Tod, zwischen Entstehen und Vergehen; zwischen den dunklen Polen der Zeugung und des Ablebens oder aber auch ausgestreckt, sich entgrenzend, zwischen Himmel und Erde, Transzendenz und Immanenz, wenn wir so wollen. Insgesamt steht es uns frei, ob überhaupt und wenn ja, welchen Sinn, Wert und Bedeutung wir diesem Lebens-Zwischenraum geben. Enthalten können wir uns nicht wirklich.

Wagen wir kurz einen Blick vertikal durch die Vielschichtigkeit der Wirklichkeit hinein in die Tiefe besonderen Erlebens und Wahrnehmens von Zwischenräumen z.B. in der christlichen monastischen Tradition des Gebetes. Das Beten der Psalmen im liturgischen Stundengebet geschieht auf besondere Weise: zwischen den Verszeilen steht ein Sternchen, Zeichen für eine Pause, ein Innehalten; diese Pausen sind mehr als deklamatorische Gestaltung; sie schaffen Stille und Raum für das „andere“, für das "Ein-Fallen" Gottes in die jeweilige Jetzt-Situation der Betenden. Zwischenräume werden hier zur Möglichkeit Gottes oder einer Transzendenz.

Religiöser, esoterischer Eskapismus? Gottbewahre, nein, sondern: eine Grundhaltung, die uns porös macht für Unerwartetes, anderes, Fremdes; die unsere Aufmerksamkeit, Sinne, Wahrnehmung, unser Gefühl sensibilisiert, unseren Geist schärft und Raum und Bewusstsein in uns schafft für das, was um uns herum geschieht, wäre auch im innerweltlichen Kontext günstig für einen konstruktiven, kreativen, solidarischen Umgang mit Lebens-Zwischenräumen allgemein und für die konkrete Gestaltung menschlichen Miteinanders im Besonderen.

Wenn wir Zwischenräume als mögliche Katalysatoren für lebenswertes Leben begreifen, könnten wir zwischenräumlich dabei mitwirken
: Wir als Zwischenräume im Netzwerk weltweiter Solidarität?

: Wir als Zwischenräume weltweiter Spiritualität?

: Das 3. Jahrtausend - Zeitalter der Mystik?

www.maria-reinecke.de
Berlin

letzte Aktivität: 12.12.2017, 16:35

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