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Problem: Wertschöpfung durch Wettbewerb

Martin  Wagner

aufgegriffen von
Martin Wagner
am 18.11.2014

Unter welchen Umständen entwickeln Menschen die effizientesten Formen von Wertschöpfung? Erinnern wir uns an Umweltkatastrophen, Kriege, technische Havarien, eben Ausnahmesituationen, in denen Menschen ihre Existenz bedroht sehen. Unter diesen Umständen kann Verschwendung von Ressourcen und Leistungspotentialen Menschenleben kosten. Deshalb entwickeln Menschen unter diesen Umständen hocheffiziente Formen kollektiver Wertschöpfung, die sich mit Kooperation und Vernetzung zusammenfassen lassen und stets auf das Ergebnis der Wertschöpfung ausgerichtet sind, nämlich, auf Systemerhalt durch sinnvollen Umgang mit unlösbaren Problemen, eben mit Wirklichkeit. Die Akzeptanz der Existenz unlösbarer Probleme führt also, fast schon zwingend, zu Kooperation und Vernetzung, als Formen kollektiver Wertschöpfung zur Systemerhaltung.

Leugnet man dagegen die Existenz unlösbarer Probleme, also die Existenz von Wirklichkeit, so ergeben sich andere Formen kollektiver Wertschöpfung. Denken wir die Leugnung der Wirklichkeit etwas weiter, so führt diese uns direkt in die Psychiatrie oder aber in den Sandkasten. Nehmen wir zur Verdeutlichung des hier vorzustellenden unlösbaren Problems den Sandkasten: Kinder verstehen die Kausalitäten ihrer Umgebung nur lückenhaft, was zu Ängsten führt. Im Spiel leugnen sie Wirklichkeiten, variieren und testen diese „im Kleinen“ und entwickeln in diesem Zusammenhang Allmachtsphantasien zum Zweck der Angst- und Affektkontrolle. Spiel kennzeichnet also im Wesentlichen das Austesten von Faktischem gegenüber Kontrafaktischem zum Zweck der Affektkontrolle. Sind nun mehrere Parteien in ein gemeinsames Spiel involviert, entwickelt sich zwischen ihnen ein Wettbewerb der individuell konstruierten und mit Allmachtsphantasien begleiteten Wirklichkeiten. Im kindlichen Spiel, im Wettbewerb der individuell konstruierten Wirklichkeiten, trifft man in letzter Konsequenz dann auch noch auf den Dualismus des spielerischen Wettbewerbs, bestehend aus Wertschöpfung und Wertzerstörung: Das Turmbauen aus Holzklötzen oder das Burgenbauen aus Sand ist eben erst mit vollzogener Zerstörung der Bauwerke als erfolgreich abgeschlossen zu betrachten, worauf Anna Freud und Melanie Klein bereits hinwiesen. Denn erst dann wird die Grenze zwischen dem Faktischem und Kontrafaktischem, also die kollektive Wirklichkeit für das Kind erfahr- und erkennbar.

Wettbewerb steht nun aber im heutigen Wirtschaftsverständnis westlicher Prägung für Qualität und Wertschöpfung, gipfelnd in dem Begriff der Wertschöpfung durch Wettbewerb. Wie wir nun aber gesehen haben, ist Wettbewerb in erster Linie ein Mythos zur Rationalisierung spielerisch konstruierter Wirklichkeiten zum Zweck individueller Affektkontrolle, immer gekennzeichnet durch den Dualismus aus Wertschöpfung und Wertzerstörung und immer ausgehend von der kollektiven Ignoranz der Existenz unlösbarer Probleme bzw. der Wirklichkeit. Dies gilt für Kinder ebenso wie für Erwachsene, wie es auch Eric Berne feststellte. Denn auch Erwachsene verstehen ihre Umgebung nur lückenhaft, was auch hier zu Ängsten führt, deren Kontrolle im und durch Spiel immer wieder neu erlernt und aktualisiert werden muss. Die Bereiche der "Erwachsenenwelt", Wirtschaft, Politik, Sport etc., geben ausreichend Beispiele hierfür.

Da Wettbewerb also mit Wertzerstörung einhergeht und in erster Linie psychosoziale Funktionen erfüllt, ist er als Wertschöpfungsstrategie ungeeignet, womit das heute aktuelle Wettbewerbsparadigma, Wertschöpfung durch Wettbewerb, ein unlösbares Problem darstellt... zumindest für mich.

letzte Aktivität: 27.02.2017, 17:52

bisher 4 Reaktionen


Frank Zappa
am 26.01.2015, 14:20

Was verstehst Du in diesem Fall unter Wertschöpfung/Wert?

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Ustin Groth
am 11.05.2015, 23:01

Kapitalismus als künstlich erzeugte Dauerkrise zur Steigerung der Wertschöpfung?

2


Martin Wagner
am 12.05.2015, 11:37

Mit Wertschöpfung meine ich in diesem Zusammenhang allein den Transformationsprozess der Produktionsfaktoren hin zu einem bestimmten Produkt. Der Begriff Wert erschöpft sich in diesem Falle durch die Eignung des Produktes, einen definierten Zweck zu erfüllen.

Kapitalismus ist für mich nur ein Signalwort zur Auslösung einer bestimmten Stimmung in der Gesellschaft. Es "lebt" durch seine Unklarheit. Krise ist dagegen schon zwingender Bestandteil der Wertschöpfung und zwar im Sinne des "aus-der-Welt-Bringens" [Bazon Brock].

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Dea Doumais
am 11.10.2016, 13:21

Zum 1. Absatz, imho: Im Gegenteil. Erst die Erkenntnis, dass ein Problem (zumindest in Ihren Beispielen) lösbar ist bzw. sein muss, aktiviert kooperative Kräfte um eine Lösung zu finden. Philiosophische Dilemmata, Abstraktes also, etwa der Beweis der Existenz göttlicher Wesen, fördert höchstens die Gemeinschaft der Anhänger unterschiedlicher, spekulativer Deutungsansätze. Das nicht-Vorhandensein einer Lösung wird durch spekulative Erklärungen, also selbst wieder kognitive "Lösungsansätze" ersetzt. Dass sich etwa beim Thema Religion/Kirche konstruktive sowie destruktive Kräfte mobilisieren, die in den Wettbewerb der Deutung treten, steht außer Frage - jedoch auch, dass deren Teilnehmer keineswegs die Unlösbarkeit des Dilemmas (zu Lebzeiten) akzeptieren, sondern vielmehr kollektiv an EINE Lösung... glauben.

Ich schlage vor, nicht die Akzeptanz der Unlösbarkeit von Problemen als Prämisse zu sehen. Das Gegenteil ist imho der Fall: Die vermutete Lösbarkeit eines Problems bündelt Kräfte, die diese gemeinsam erreichen wollen und u. U. dadurch mit anderen Gruppen, die nach Lösungen fahnden, in Konkurrenz stehen.

Zu Absatz 2: Die Gleichung "Akzeptanz unlösbarer Probleme = Akzeptanz der Wirklichkeit" scheint mir aus der Luft gegriffen, bitte um Erläuterung. Zudem funktioniert der Begriff "Leugnung der Wirklichkeit" nur, wenn es ebendiese (eine) Wirklichkeit gibt. Wie Sie jedoch selbst weiterformulieren, bestehen Unterschiede in der individuellen Wahrnehmung, die beispielsweise im Spiel (durch Fantasie) abgeglichen angenähert werden können.
"Das Turmbauen aus Holzklötzen oder das Burgenbauen aus Sand ist eben erst mit vollzogener Zerstörung der Bauwerke als erfolgreich abgeschlossen zu betrachten, worauf Anna Freud und Melanie Klein bereits hinwiesen." - diese Deutung weist einige Parallelen zum wirtschaftlichen Konsum ("Verbrauch") auf. Jedoch ist auch hier ein Mangel, dass der Wertschöpfungsprozess im Grunde ebenso mit der Fertigung/dem Verkauf eines Produktes abgeschlossen sein kann. Somit komt man, je nach Sichtweise (Konsument, Manager, Entwickler) gar nicht mit der Dualität Schöpfung/Zerstörung in Kontakt, wohl aber mehr oder weniger mit dem Wettbewerb an sich (Rabattaktionen, Bonuszahlungen, Innovationsdruck).

Zu Absatz 3: Meinen Ausführungen nachfolgend opponiere ich auch ihrem Fazit. Wertschöpfung durch Wettbewerb ist eine Losung, die netterweise bereits von der Argumentationsmaschine kapitalistischer Wirtschaftspolitik inhaltlich plattgewalzt wurde. Nichtsdestotrotz sollte nicht vergessen werden, dass der Wettbewerb als "sich-behaupten" (in einem Umfeld begrenzter Ressourcen) seit Lebewesengedenken ein Motor der Wertschöpfung war. Sammler suchen Ressourcen, Jäger jagen Beute, Beute sucht Schutz. Von alledem ist bei weitem nicht genügend vorhanden. Aus jenem Grund hat sich das Individuum relativ schnell (ein Müllsack als Regenschutz) oder langsam (Evolution) heutige Errungenschaften "gewertschöpft".

Nach alledem: Dass wettbewerblicher Druck oft zerstörerische WIrkung ausübt, darin sind wir uns, glaube ich, einig.

[Vorbehaltlich, ich habe alles - wie von Ihnen intendiert - verstanden.]

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