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Problem: Demokratie als gesellschaftlicher Steuerungs- und Regelungsmechanismus

Martin  Wagner

aufgegriffen von
Martin Wagner
am 18.11.2014

Demokratie, also die Macht, die vom Volke ausgeht, ist als, im weitesten Sinne verstanden, Steuerungs- und Regelungsmechanismus gesellschaftlicher Systeme beschreibbar und bedient sich dabei vordergründig statistischer Methoden, wie z.B. Umfragen, Wahlen, Abstimmungen, Rechtsprechung, etc. Das unlösbare Problem besteht nun darin, dass Gesellschaftssysteme, die von Natur aus komplex strukturiert sind, nicht durch statistisch begründete Methoden analysiert und gesteuert werden können, deren Eignung sich auf komplizierte Systeme begrenzt.

Komplexe Strukturen zeichnen sich durch vernetzte Elemente, Rückkopplungseffekte, nicht-lineare Kausalzusammenhänge und somit Spontanaktivitäten sowie durch die Unmöglichkeit der Vereinfachung, das heißt Systemzerlegung ohne Beeinflussung der Systemgesamtfunktion, aus – Funktionen komplexer Systeme sind also nicht als Summe der Funktionen einzelner Systemelemente oder –bereiche darstellbar. Darüber hinaus sind beobachtete Phänomene aus komplexen Strukturen aufgrund einer daraus resultierenden Zufälligkeit der Systemreaktionen nicht verifizierbar. Entscheidend sind die Prozessmuster, also Regelmäßigkeiten einer gewissen Unschärfe, die analysiert und in Grenzen gestaltet werden können.

Anders verhält es sich dagegen mit komplizierten Systemen, so, wie wir sie aus dem Zusammenhang mit materieller Produktion her kennen. Komplizierte Systeme zeichnen sich durch eindeutige Kausalitäten und damit Wiederholbarkeit der Prozesse, durch die Möglichkeit der Systemzerlegung sowie durch definierte Rückkopplungseffekte und Berechenbarkeit aus. Komplizierte Systeme sind aufgrund der Verifizierbarkeit ihrer Erscheinungen und Prozesse mit Hilfe statistischer Methoden analysierbar sowie steuerungs- und regelungsfähig.

Diese Unterscheidung, so sehr sie bisher auch die Lebens- und Arbeitswelt heutiger Manager, Berater und Politiker unangetastet ließ, ist beispielsweise für Fußballtrainer selbstverständlich. Letztere kämen niemals auf die Idee, von statistischen Leistungskennzahlen einzelner Spieler auf die zugrunde liegende Spielstrategie der betreffenden gegnerischen Mannschaft zu schließen. Der eigentliche Grund dafür wird für Fußballschaffende nicht in jedem Fall artikulierbar sein, ist wohl aber im Handeln präsent.

Was bedeutet dies für Gesellschaftssysteme mit demokratischem Selbstverständnis? Demokratie ist der Versuch, ein komplexes System, wie das unserer Gesellschaft, wie ein kompliziertes System, wie das eines Kraftfahrzeugs, zu steuern und zu regeln, was uns nicht nur direkt zu dem oben benannten unlösbaren Problem führt, sondern auch ein weiteres Beispiel für die Normativität des Kontrafaktischen liefert.

Wie kann man nun mit diesem Problem umgehen? In Zeiten, in denen sich die gesellschaftliche Komplexität größtenteils auf das Faktische bezog, die mit der Etablierung des Internets ihr Ende fand, konnten gesellschaftliche Verhaltensmuster durch Überlagerung so genannter „Kraftfelder“, wie z.B. externe und interne Bedrohungsszenarien („…feindliche Antipoden zur Stärkung des eignen inneren Zusammenhalts…“ [Lustmarsch durchs Theoriegelände, S. 136]), Epidemien, Inszenierungen von „Säuen“, die als Projektionsfläche kollektiver Ängste, Scham und Schuldgefühle durchs „Dorf“ getrieben werden, usw., beeinflusst werden. Gesteuert wurde also mit einer inszenierten Festlegung der Grenze zwischen Faktischem und Kontrafaktischem durch die „Mächtigen“. Mit Einführung des Internets verschiebt sich diese Verfügungsgewalt über diese Inszenierung in Richtung der undefinierbaren Masse der Internetnutzer… Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Psychoanalytiker…

letzte Aktivität: 17.10.2017, 16:49

bisher 2 Reaktionen


Ustin Groth
am 11.05.2015, 02:30

Sind wir denn eine Demokratie? Noam Chomsky nennt die USA z.B. eine Polyarchie, ein System, in dem die Entscheidungen von wenigen Mächtigen getroffen und vom Rest abgesegnet werden... So "kompliziert" ist unsere System nicht, es ist einfach die perfekte Herrschaft... Und das Internet ist ein trockener Furz, der von den perfektionierten Überwachungsorganen begierig aufgesogen wird!

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Martin Wagner
am 12.05.2015, 12:03

Ich versuche in meinem Beitrag, Demokratie als Theorie, als gesellschaftliches Steuerungsmodell, also als Vereinfachung zu diskutieren und nicht als Beschreibung einer konkreten Realität.

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