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Problem: Was die Wissenschaft kann; und was sie nicht kann.

aufgegriffen von
Moritz Storch
am 20.08.2014

“Die Geschichte ist die Mutter der Wissenschaft”. Mit dieser Behauptung mag meine kleine Untersuchung der Wissenschaft bezüglich ihres Vermögens und Unvermögens beginnen.

Was kann die Wissenschaft? Und was kann sie nicht? – das ist diesbezüglich meine Fragestellung.

Die Wissenschaft untersucht alles was wirkt und stellt sich dabei die Frage: wie kam die Wirkung dieses Wirkenden zustande? Um diese Frage beantworten zu können, zerlegt sie das von ihr untersuchte Wirkende in seine Einzelteile und erhält dadurch eine Gruppe von einzeln und untereinander wirkenden Teilen, die, unter bestimmten Bedingungen, die Wirkung des zur Untersuchung stehenden Wirkenden erzeugen und es dadurch erklären. Die wissenschaftliche Untersuchung hat also als Grundannahme (und folglich auch als Grundbedingung) die Kausalität. Denn: eine Wirkung kann nur durch andere Wirkungen erklärt werden, wenn man diese anderen Wirkungen als Ursache für die zu erklärende Wirkung voraussetzt. Das heißt: um zu einer wissenschaftlichen Erkenntnis gelangen zu können, muss man die Kausalkette, der Zeit entgegengesetzt, entlang schreiten. Anders formuliert, könnte man auch sagen, dass die wissenschaftliche Erklärung eine geschichtliche Rekonstruktion von Objekten ist (also dem Objekt sein Werdegang).

Indem die Wissenschaft also der Geschichte entgegenschreitet (wie die Kinder den Eltern), lernt sie die Welt verstehen. Und indem sie in die Vergangenheit vordringt, lernt sie in die Zukunft zu blicken. Das Vermögen der Wissenschaft liegt also in der Vergangenheit und in der Zukunft, ihr Unvermögen hingegen ist die Gegenwart.

Dies ergiebt sich aus folgendem Grunde: die Wissenschaft schreitet in ihrem Tun so voran, dass sie nie dem Objekt an sich ein eigenes Wirken zuschreibt, sondern dieses Wirken immer mit dem Einwirken von anderen Objekten auf das jeweilig zur Untersuchung stehende Objekt zu erklären versucht. Sie sucht also in jeder Wirkung deren Ursache und setzt bei jeder Ursache eine Wirkung voraus. Dies hat zur Folge, dass die Wissenschaft über all das Aufschluss geben kann, das einen einwirkenden Charakter hat; über den wirkenden Charakter der Dinge muss sie aber schweigen. Ihr Dilemma könnte man folgendermaßen zum Audruck bringen:

Die Wissenschaft schreitet in die Vergangenheit um zu dem Ursprung der Dinge zu gelangen. Der Ursprung der Dinge ist aber immer am Anfang und der Anfang ist immer in der Gegenwart. Und so findet die Wissenschaft nie den Anfang, obgleich sie ihn doch sucht, sondern erschließt sich nur eine Kausalkette von unendlichem Ausmaß, welche sich doch eigentlich vom Anfang entfernt, anstelle ihm, wie sie doch vorgibt, in irgend einer Art und Weise näher zu kommen.

Während die Wissenschaft also nimmermehr in der Lage sein wird die Existenz der Welt zu erklären, so kann sie doch allemal die Welt erklären. Und während die Wissenschaft sich nie in der Gegenwart wird bewegen können, so ist es doch sie, die einem ermöglicht sich der Gegenwart bewusst zu werden.

letzte Aktivität: 23.06.2017, 09:05

bisher 4 Reaktionen


Micha
am 09.10.2014, 15:33

Huhu Herr Storch!
Da gibt es doch die schöne Metapher "es ist wie bei einem Schlüsselloch - je näher man herankommt, desto mehr sieht man dahinter".
Die Wissenschaft ist vielleicht deshalb so erfolgreich, weil sie ihr Fortbestehen nicht nur mit kleinen Erfolgen erkauft, sondern mit der absoluten Sicherheit, nur den Horizont des Nichtwissens zu verschieben, immer neu bestätigt.
Das ist wie mit der christlichen Beichte und der Sexualität: so lange die Menschen da sind, müssen sie beichten eben weil sie da sind.
Schöner Trick, oder?
Ich hatte mich gerade in Bezug auf Wissenschaft noch gefragt (und das ist eine auf die Historie der Menschheit bezogene Frage): War es eigentlich schon immer so einfach, mit erstaunlich wenig Verstand zum Experten zu werden?
Fröhliches Denken :)

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maria reinecke
am 08.01.2015, 09:35

Die (natur)wissenschaftliche Forschung zielt auf \'Objektivität\'; ihre wesentlichen unverzichtbaren Methoden sind Abstraktion, Reduktion, Quantifikation; ihr Ideal ist äußerste Exaktheit, beruhend auf der Verabsolutierung des Kausalitätsbegriffs.
Das ist okay. Die Wissenschaft macht letztlich einen großartigen Job.

Nur:
Es darf dabei nicht außer Acht gelassen werden, dass die Ergebnisse (natur)wissenschaftlicher Forschung bereits vom Ansatz her unvollständig sind; sie zeigen nur (reduktionistisch) einen Teil der Wirklichkeit auf, eben weil sie von vornherein von der Komplexität der Wirklichkeit abstrahieren.

Es besteht in der Folge die Gefahr ihrer Kompetenzüberschreitung, immer dann, wenn die Wisenschaft aus ihren streng methodologisch gewonnenen Forschungsergebnissen unversehens/ohne weiteres ontologische Schlussfolgerungen ziehen wollen - und wir als Laien mit ihnen. Um dieser Gefahr zu begegnen, sie bewusst zu machen und zu überprüfen, bedarf es eines erweiterten rationalen Blickwinkels aus interdisziplinärer philosophisch-wissenschaftstheoretischer Meta-Ebene.


Konkret zum Naturverständnis:
Kants Selbstbeschränkung der Vernunft hat insgesamt zu einem verkürzten Vernunft- und Wissenschaftsbegriff geführt, der den Kulturbetrieb bis heute weitgehend bestimmt. Der Wissenschaftler sieht sich einer passiven, dinghaften Natur gegenübergestellt, bleibt in Distanz, ohne konkreten Bezug zu ihr. Was ihm als lebendige Gesamtheit der Mannigfaltigkeit in der Natur unmittelbar erscheint und als Vorwissen und Vorerfahrung bereits bekannt ist, wird bewusst vernachlässigt, abgespalten, seziert, auf Formeln reduziert und erst nach Kontrolle und Selektion im Labor als einzig gültiges Datum anerkannt. Das selbst auferlegte Ideal äußerster Exaktheit, das Aufgehen in Abstraktionen und die Verabsolutierung des Kausalitätsbegriffs sollen Objektivität garantieren. Resultat ist eine sich selbst genügende Anhäufung von unüberschaubaren, nicht mehr nachvollziehbaren Einzeldaten, Fakten, ad-hoc-Thesen, ohne Bezug zur ganzen Wirklichkeit von Mensch und Natur.
Wir haben also auf der einen Seite unser intuitives Wissen und unsere Erfahrung, dass die Natur voller Leben ist, und es gehört zu unserem zivilisatorischen Selbstverständnis, ihre Sinnhaftigkeit und Werthaftigkeit in unsere ästhetischen und moralisch-ethischen Vorstellungen, Ziele, Handlungen mit einzubeziehen. Auf der anderen Seite steht abgespalten davon eine wertefreie Wissenschaft der reinen Fakten, die die Natur bloß als einen neutralen Prozess ablaufender Aktivitäten beschreibt und jegliche Wirk- und Zweckverursachung lebendigen Selbstseins, jede aktive Realisation von Werten unberücksichtigt lässt.

Angesichts einer rücksichtslos ausgebeuteten, zerstörten, heillos verwundeten Natur weltweit, darf gefragt werden, ob die strikte Trennung von einer Wertewelt hier und einer wertefreien Wissenschaft dort bei der Bewältigung der anstehenden Probleme wirklich vernünftig ist. Das ist mehr als nur eine wissenschaftstheoretische Angelegenheit; wir berühren damit die grundsätzliche und übergeordnete Frage, wie wir rational über Natur und Leben als Ganzes denken wollen. Denn: Wie wir denken, so leben und handeln wir...
Maria Reinecke, Berlin




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maria reinecke
am 08.01.2015, 10:49

Kleine Korrektur zu meinem Kommentar oben:

"...Es besteht in der Folge die Gefahr der Kompetenzüberschreitung, nämlich dann, wenn die Wisenschaft aus ihren streng methodologisch gewonnenen Forschungsergebnissen ohne weiteres ontologische Schlussfolgerungen ziehen will..."

Danke,
sorry,
M.R.

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Martin Warnke
am 08.03.2017, 11:14

Hallo Moritz Storch,

Die Wissenschaft kann Alles und doch Nichts.

Die Wissenschaft kann eine Lösung für ein Problem finden. Die Anwendung dieser Lösung löst manchmal, vor allem wenn man daran glaubt, das Problem. Gleichzeitig wirft die Anwendung einer Lösung aber unendlich viele neue Probleme auf. Beispiel: Kunstdünger. Gemüse wächst schneller. Folgeprobleme Raubbau beim Kaliabbau, Wasserverschmutzung, Monokultur, Artensterben und vieles mehr.

Solange die Wissenschaft sich nicht von ihrem anthropozentrischen Weltbild verabschiedet und darauf besinnt die Kreisläufe der Natur zu nutzen, ohne sie auszubeuten, solange wird es keinen echten Fortschritt geben.

Heute forscht man vor allem, um den Glauben an Effizienzsteigerung weiter aufrecht zu erhalten. Aber der Kapitalismus ist eine Sackgasse. Nichts ist effizienter als die Natur. Sie erreicht ihre Effizienz durch das Zusammenspiel vieler Kräfte unterschiedlichster Lebewesen und Elemente. Sie schafft Neues und gibt im Überfluss.

Die These Effizienzstreben sei notwendig, um in Zukunft die Menschheit ernähren zu können ist obsolet. Wir müssen anfangen zu teilen, anfangen für die Gemeinschaft zu arbeiten, statt nur zum eigenen Vorteil. Wir müssen wieder zu einer Wissenschaft finden die das Wohl Aller und der Schöpfung in den Blick nimmt.

Die Wissenschaft betont heute in ihrer Zielsetzung nur den Vorteil gegenüber vorherigen Anwendungen. Sie hinterlässt uns bisher nur negative Hypotheken in Form unendlich vieler neuer Probleme. Der Anspruch Alles immer und überall zur Verfügung zu haben ist gegen unsere Natur.


Verzicht bedeutet Gewinn.
Teilen bedeutet Gewinn.
Die Schöpfung achten bedeutet Teilhabe für Alle.

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