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Problem: Was ist des Denkens zu viel?

aufgegriffen von
Leo Allmann
am 02.02.2014

Lagebericht: Als ich einmal im Krankenhaus lag, mit einem Bein im Gips, riet mir eine Tante, die mich bei ihrem Besuch kaum zum Reden gebracht hatte, zum Abschied: "Sei nicht so vernünftig!" Sie könnte damit ins Schwarze getroffen haben, so unbedarft mir ihre Bemerkung auch stets vorkommt, wenn ich an sie zurückdenke. Bestimmt gibt es auch ein Denken, das den Redefluss nicht hemmt. Aber vernünftigerweise kommt man womöglich aus dem Denken nicht heraus, so dass eines Tages das Leben vorbei ist, ohne zu etwas anderem gekommen zu sein. Oder lässt sich eine klare Grenze ziehen, bei deren Überschreitung jedes vernünftige Denken auf der Strecke bleibt?

letzte Aktivität: 28.04.2017, 12:12

bisher 2 Reaktionen


Frank Zappa
am 11.02.2014, 10:37

Ich versuche mich kurz zu fassen, deswegen etwas kompakt:

Du fühlst Dich von Dir selbst fremdbestimmt, weil Du Deinen Verstand als Instanz mit maximaler Autorität begreifst, der Deinen Lebensfluss kontrolliert und bestimmt? Damit: Willkommen in einer neuen Phase Deines Denkens, in dem Du die Konditionierung Deiner Lebensweise durch die "augenscheinlich" rationalisierte Gesellschaft langsam zu begreifen beginnst - eine Gesellschaft, in der Irrationalität bestraft wird, obwohl ihr eigenes Denken selbst völlig irrational ist. Denn nichts ist so naiv, wie sich ausschließlich auf seinen Verstand zu verlassen.

Damit ist die Frage nach einer "klaren Grenze" schon beantwortet - es gibt sie nicht, es kann und soll sie auch nicht geben. Die Forderung nach klaren Trennlinien ist die Forderung der Angst nach verlässlichen Rückzugsorten im eigenen Leben, Alltag und Dasein. Es ist die Angst vor der Ungewissheit des Fremden. Aber was uns am Fremden seltsam vorkommt ist eigentlich nur das, was wir in uns selbst nicht verstehen. Die Forderung nach einem Exil vor dem Unbekannten ist also der Wunsch nach einem Bunker, in dem man sich vor sich selbst verstecken kann.

Um es mit Erich Fromm zu sagen, sollte man mehr darüber nachdenken, was man ist, statt darüber, was man tut. Und die vermeintliche "Vernunft" ist nur die einseitig betrachtete Logik des "Denkapparates", den wir Gehirn nennen. Allerdings gibt es auch andere Denkorgane, von denen Du schon die Sprache aufgezählt hast, die eigenes Denken generiert. Genauso wie das Herz, die Augen, die Ohren, das Tasten und Fühlen(taktil und emotional), usw. usw.

Es geht darum ein persönliches Gleichgewicht zu finden - denn, genau betrachtet, der moderne Wissenschaftler ist der antikeste aller Menschen, weil er noch immer versucht, die "Götter" von ihrem Thron zu stoßen - während der Gläubige Mensch der Naiveste von allen ist, weil er sich den "göttlichen" Geboten widerstandslos ergibt. Insofern findet sich der neue vitruvianische Mensch nicht zwischen Kreis und Quadrat, sondern zwischen Herz und Verstand - und sucht darin sein universelles Gleichgewicht, das individuell ist, nicht rational definierbar, nicht skalierbar, nicht messbar und zu dem es keine Anleitung gibt.
Anders: wer sein inneres Gleichgewicht nicht fühlt, der hat es nicht. Wer noch immer denkt, seine Lebenszeit zu verschwenden, weil er zuviel oder zuwenig denkt oder weil er glaubt, keine "richtigen" "Ziele" zu haben, der ist (auch auf die Gefahr hin, esoterisch zu klingen) im Ungleichgewicht. Denn er hat nicht begriffen, dass er nicht nur nicht tut, was er eigentlich will, sonden dass er vor allem nicht ist, was er sein will. So wie die meisten Menschen nicht begreifen, dass ein Leben mit Entbehrungen glücklicher sein kann als eines ohne, wenn man seinen inneren Überzeugungen nach leben kann. Aber statt ihrem Gefühl nachzugeben, setzen sich viele "Ziele" oder nehmen sich etwas vor - was der Unterschied ist zwischen dem Sein und dem Tun. Man kann Künstler sein, ohne Bilder zu malen - und umgekehrt kann man Bilder malen ohne Künstler zu sein (um mal diese nur gesellschaftlich bedeutsamen Allokations-Kategorien aufzugreifen).

Aber ich verstehe, dass die Konditionierung durch die moderne Marktwirtschaft immer dahin geht, dass man "etwas erreichen" muss oder "etwas aus seinem Leben machen" muss - aber Ehrgeiz ist etwas für Leute ohne Interessen!! Kommen wir stattdessen zurück zur eigentlichen, echten Neugier, indem wir anfangen uns Fragen zu stellen, die überall um uns herum lauern und die uns helfen, unseren Verstand zu nutzen, aber ihn nicht zum Herren über uns selbst werden zu lassen, sondern ihn als Werkzeug zu begreifen. Der Trick ist, Fragen zu stellen, statt immer nur Antworten zu suchen - denn die Welt ist so aufgebaut, dass jede Frage zumindest eine weitere hinterlässt. Und das Fragenstellen und In-Frage-Stellen kann man jederzeit üben, überall, in allen möglichen Themen, Bereichen und Situationen. Diese Fragen führen uns zur sokratischen Unwissenheit, dem Wissen um unser Nichtwissen, zu dem man erst gelangt, durch die Anhäufung von Wissen und Kenntnissen, die uns erst bewusst machen, was wir alles nicht wissen, kennen oder können. Damit wird der Verstand trainiert, genutzt, ausgeschöpft, erweitert und zugleich seine Autorität gebrochen. Denn im Endeffekt ist unser Verstand sogar zu klein, um seine eigene Ignoranz zu begreifen.

Fangen wir also an, uns all diese Fragen zu stellen, die man sich sonst nicht stellt. In Deiner Umgebung, von dem Platz, an dem Du jetzt sitzt und dies liest, gibt es zumindest 100 Fragen, die Du Dir sofort stellen kannst - schreib sie auf, recherchiere, denk darüber nach. Zum Beispiel(ich nehme jetzt einfach mal an, Du sitzt zuhause): wie funktioniert eigentlich mein Heizkörper? Was ist dieser Putz an den Wänden genau?, usw. usw. - Welche Sprache(n) spreche ich? (Deutsch, Englisch, Italienischen, Französisch, Mathematik, Chemie,....) Wie sind sie entstanden? Wie funktionieren sie? Wie funktioniert Sprache allgemein? Was für Besonderheiten weist die Sprache von, sagen wir, Werbe- oder Wahlplakaten auf? usw. usw. Wieso ist Wasser flüssig? Wie funktionieren Nervenzellen und Synapsen? Wer war Agrippina? Wie sind Kristalle aufgebaut? Was sind die Platonischen Körper? Wie fliegt ein Vogel? Was war heute in den Nachrichten und warum ausgerechnet DIESE Nachrichten und nicht andere? War Robespierre ein Diktator und Massenmörder? Wer war Aldo Maurizio? Warum verboten die griechischen Faschisten den Buchstaben "Z"? Woher kommt das Hemd, das ich trage? Wie wird so was produziert? Und wo? Zu welchen Bedingungen? usw. usw. usw. - Je mehr offene Fragen ein Mensch hat, desto weiter ist er entwickelt! (Das selbe gilt auch für Gesellschaften, was zeigt, dass wir uns auf einem ziemlich niedrigen Niveau bewegen)

Und ansonsten: Lass Dich gehen, male etwas (ohne zu sagen: Dafür hab ich kein "Talent"[übrigens ein ekelhaftes Wort]), singe beim Spaziergehen, geh abends tanzen, auch wenn Du nicht tanzen kannst, amüsier Dich, hör auf, sinnlos "fleißig" zu sein - unterscheide zwischen gesellschaftlich sinnvollen und relevanten Regeln und dem kulturellen Faschismus, der zur Sozialdisziplinierung führen soll und Dir die Lebensfreude nimmt und die Emotionalität.

Vergessen wir also den Gedanken klar ziehbarer Grenzen, denn dieser Gedanke entspringt dem Verstand, der uns das Leben begreifbar machen soll als Instrument, nicht unser Leben vorherbestimmen soll. Wir gestalten immer Formen, indem wir Leerräume einschließen und durch Begrenzungen strukturieren und so planen wir Häuser, Straßen, Städte, Gemälde, Maschinen und, bedauerlicherweise, oft genug auch Lebens"entwürfe". Aber so gestaltet man nicht sein eigenes Leben und so formt man nicht seinen Charakter, indem man ihm Grenzen setzt, die ihn in allen Richtungen beschränken und ihn in die Leere einschließen, die wir dann versuchen mit "Farbklecksen" wie Urlaub, Partys, sexuellen Abenteuern, Affären und Ausschweifungen jeglicher Art auszufüllen. Und dann erkennt man seine Begrenztheit und versucht ein Leben lang, die
Grenzen zu durchbrechen, die wir uns selbst gesetzt haben, weil wir Angst vor Eindringlingen hatten. Und anhand der gezogenen Grenzverläufe versuchen wir dann, uns ein Bild von uns selbst zu machen, das uns gegenüber den anderen repräsentiert, womit wir unser Portrait zu einer Kariaktur verkümmern lassen.

Und ohne diese Grenzen? Da verläuft und versickert die Farbe unkontrolliert und wird schließlich so dünn, dass sie verblasst und schon ein leichter Sonnenstrahl die letzte Erinnerung an uns auslöscht.

Du siehst, die Geschichte hat eigentlich keine echte Pointe. Nur vielleicht diese: Es gibt nicht nur kein richtiges Leben im falschen, sondern: es gibt überhaupt kein richtiges Leben. (Das kann man übrigens unterschiedlich betonen und akzentuieren) - aber immerhin: Es gibt Leben! Und das besteht darin, sich nicht zurückzuhalten, sondern offensiv mit sich selbst umzugehen (nicht hedonistisch oder gezwungen expressiv, das ist ein Unterschied!). Man muss das, was man ist, ausdrücken in dem, was man tut.
Wer seine besten Ideen für sich behält, der wird sich niemals übertreffen. Wer seine besten Gedanken bewahrt für den richtigen Augenblick, der wird niemals wachsen, weil er zu sehr damit beschäftigt ist, diesen billigen Schatz zu bewahren, statt ihn ständig zu überdenken. Wer seine Gefühle bewahren und beschützen will, der wird sie nie wieder fühlen, weil er sie als Relikt in ein Museum gestellt hat. Und wer seine guten Erinnerungen nicht pflegt und wer die schlechten Erinnerungen verdrängt, der wird lebendig sterben.
Komm also zur Vernunft und folge Deinem Herzen. Und - ich wiederhole - versuche nicht durch dauernde selbst-Autopsie zu beobachten, was Du tust. Die Wandlung eines Menschen beobachten zu wollen ist wie das Betrachten einer aufblühenden Blume - es geht zu schnell und zu langsam zugleich. Man weiß nicht genau, wann was passiert, man merkt nur irgendwann: plötzlich steht das Leben in voller Blüte vor einem. Um mir diesen kitschigen Vergleich zu erlauben: Denk lieber darüber nach, ob und wenn ja, was für eine Blume Du bist, anstatt darüber, wie Du Deine Blätter entfaltest.

Schöne Grüße

a

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Dipl.Ing.Ing. Bernd Letz (2016)
am 01.10.2016, 21:18

Wenn man aus jeder Mücke einen Elefanten machen will - UND man keinen Endpunkt findet, ab dem man von diesem Unfug ablassen will.

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