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Problem: Alltag

aufgegriffen von
Anja Waldmann
am 03.01.2014

Der Alltag ist das Hier und Jetzt - er ist wie wir - er ist unser Leben. Wenn wir also ständig über den Alltag nörgeln kann das ja nur daran liegen, dass wir mit unserem Leben nicht zufrieden sind. Da sich fast alle über den Alltag beschweren und kaum ein gutes Haar an ihm lassen, müsste das ja bedeuten, dass wir alle etwas falsch machen. Diesem Thema werde ich mich im Rahmen meiner Bachelor-Arbeit im Fach Visuelle Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar widmen. Ich freue mich daher über vielen Stimmen zu diesem Thema!

letzte Aktivität: 23.06.2017, 09:05

bisher 3 Reaktionen


Tobias Kordsmeyer
am 13.01.2014, 22:49

Hi Anja,
du sprichst ein interessantes Thema an, zu dem man viel sagen könnte, wie ich finde.

Ich möchte erstmal generell zum Nörgeln ein paar Gedanken loswerden, um dann näher auf den Alltag einzugehen.

- Vielleicht ist das Nörgeln ja gar nicht so dramatisch?
- Vielleicht hat das Nörgeln bestimmte Funktionen/positive Folgen?
z.B. könnten wir uns darüber mit anderen Menschen verbinden - zusammen nörgeln, eine Gemeinsamkeit schaffen, darüber diskutieren, sich austauschen?
- vielleicht nörgeln wir teilweise/oft aus Langeweile?
- und es wäre dabei eine menschliche Tendenz, sich eher/einfacher mit negativen als mit positiven Dingen zu beschäftigen (\'negativity bias\' - Konzept aus der Psychologie, dass negative Information und Ereignisse tendenziell prävelenter sind und ein größeres Gewicht haben als positive)?
- vielleicht ist es adaptiv, sich höhere Ziele zu setzen (z.B., ein häufig spannendes, erfolgreiches Leben), als man durchschnittlich erreicht (adaptiv, da motivierend), und da ist eine \'negative Bilanz\' bzw. dauerhafte (zumindest leichte) Unzufriedenheit und daraus resultierendes Nörgeln vorprogrammiert?
Und warum nörgeln wir so viel über den Alltag?

- weil der Alltag, wie du schreibst, allgegenwärtig ist - wir nicht lange nachdenken müssen, bis uns Aspekte einfallen, über die wir nörgeln könnten
- zu: nörgeln aus Langeweile? - ein Grund, über den Alltag zu nörgeln, wird wahrscheinlich sein, dass dieser natürlich nicht besonders aufregend/abwechslungsreich ist
- letztendlich könnte man den Alltag auch so sehen, dass er nicht dazu da ist, überwiegend spannend oder besonders befriedigend zu sein - sondern, um Dinge zu erledigen, das Überleben abzusichern - was natürlich nicht gleich bedeuten muss, dass man stetig in einer leichten Unzufriedenheit schwelgt - vielleicht tragen gewisse Dinge der westlichen Kulturen noch speziell dazu bei?

Ich hoffe, meine Ideen können dir die eine oder andere Anregung geben - und über Rückmeldungen/Kommentare würde ich mich natürlich freuen!

Grüße,
Tobias

1


Anja Waldmann
am 13.01.2014, 23:08

Hallo Tobias,
vielen Dank für Deinen Kommentar. Inzwischen habe ich mich ein wenig von der Alltagsidee entfernt bzw. versucht, die Gefühle und Assoziationen zu dem Wort besser zu differenzieren um mein Themenfeld – wobei wüster Acker im Moment noch die treffendere Beschreibung wäre - besser eingrenzen zu können. Ich melde mich in den nächsten Tagen wieder.
Viele Grüße und bis dahin,
Anja

2


Frank Zappa
am 13.02.2014, 14:07

Hallo Anja,

ich finde das Thema sehr interessant und will (hoffentlich) kurz schreiben, was mir da, in meiner Unzulänglichkeit, bezüglich einfällt.

Ich möchte zuerst noch einmal (obwohl ich es schon an anderer Stelle getan habe) Erich Fromm zitieren (oder war es Meister Eckhart?), der sagte, man sollte weniger darüber nachdenken, was man tut, sondern mehr darüber, was man ist.
Das finde ich wirklich einen sehr gelungen Satz, weil er mir klar machte, wie die meisten Menschen ihr Leben gestalten; nämlich indem sie es planen, sich Ziele setzen für die Zukunft und alles einem Takt und Zeitplänen unterordnen, statt ihrem "eigenen Rhythmus" zu folgen.

Nun verhält es sich natürlich so, dass die Anforderungen der Welt den eigenen Rhythmus oft stören und durchbrechen - ich kann z.B. nicht schlafengehen und aufstehen wann ich will, sondern ich bin gezwungen, mich verschiedenen äußeren Umständen anzupassen. Das ist an sich erst Mal gar nicht so schlimm - allerdings glaube ich, dass die meisten Menschen diesen äußeren Anforderungen einen viel zu hohen Stellenwert einräumen und alles tun, um die starren Strukturen einzuhalten und nicht zu durchbrechen. Ein einfaches Beispiel dazu:

Herr Meier steht jeden Tag um 6 Uhr auf, macht Frühstück, geht duschen, packt seine Sachen ein und geht zur Arbeit. Er steigt in den Bus um 7.15 Uhr und fährt zur Firma, wo er um 7.50 ankommt. Er packt seine Sachen aus, macht sich vielleicht noch einen Kaffee und dann fängt er um 8 mit der Arbeit an. Jeden Tag.
Aber ausgerechnet heute hat Herr Meier verschlafen: statt um 6 Uhr ist er "erst" um 6.30 Uhr aufgestanden - was wird also passieren? Er wird schnell frühstücken und hektisch duschen, er wird seine Sachen schnell zusammenpacken und dem Bus hinterherrennen, um rechtzeitig bei der Arbeit zu sein. Auf der Arbeit kommt er gerade noch rechtzeitig um 7.58 an, hastig packt er seine Sachen aus und macht sich an die Arbeit - wobei er jetzt so durcheinander und aufgeregt ist, dass er einige Fehler macht und die dann umständlich korrigieren muss, was ihn viel Zeit kostet. An diesem Tag muss er eine Stunde länger bleiben und er ärgert sich über sich selbst. Wenn er dann nach Hause kommt, dann hat er schon schlechte Laune, er herrscht die Kinder und die Frau und den Hund an, wodurch sich die Laune nicht verbessert, und dann geht er ins Bett mit dem Gedanken "Das war heute wieder ein scheiß Tag!".

Aber Herr Meier ist ein Idiot. Denn an seiner Stelle wäre es besser gewesen, einfach normal zu frühstücken, normal zu duschen, die Sachen normal zu packen und normal zur Arbeit zu fahren - naja, dann wäre er halt 20 Minuten zu spät gekommen. Aber im Vergleich hätte er immer noch mehr Zeit gespart als durch das pünktliche Ankommen und anschließende Fehlermachen. Und ein Anruf, dass man heute 20 Minuten später kommt, weil man verschlafen hat, weil man nur ein Mensch ist und kein Roboter, wäre vielleicht auch weniger peinlich gewesen als der Eindruck der Kollegen, dass man unfähig ist, seine Arbeit zu machen. Das setzt natürlich schon ein gewisses Maß an Solidarität und Zuverlässigkeit an den anderen Tagen voraus, denn wenn das jede Woche vorkommt, dann sitzt Herr Meier auf der Straße. (Andererseits, wenn man so oft zu spät kommt, dann versucht einem das Unterbewusste vielleicht zu kommunizieren, dass man da eigentlich ohnehin nicht arbeiten will)

Jedenfalls: ich fahre fast täglich mit der U- oder Straßenbahn - und besonders zu früh sieht man immer die Leute, die rennen und hetzen, um den Zug noch zu erwischen, obwohl der nächste sowieso in drei Minuten kommt. Und dann stehen sie in der Bahn und kriegen kaum noch Luft, weil sie so gerannt sind. Ich dagegen denke mir, als erwachsener Homo Sapiens werde ich doch nicht einem großen bunten Blechcontainer auf Schienen hinterherrennnen, als wäre davon mein Lebensglück abhängig. Für meine persönliche Lebensführung ist es völlig unbedeutend, ob ich mich die nächsten drei Minuten in dieser Bahn befinde oder außerhalb. Aber für meine Lebensqualität macht es schon einen Unterschied, ob ich mich davon gehetzt fühle, diesen Zug jetzt noch erwischen zu müssen oder nicht. Es ist eine persönliche Freiheit, diesen Zug nicht zu nehmen und die nehme ich gerne wahr und nie wird mich jemand hinter einer Straßenbahn herlaufen sehen, wenn nicht wirklich irgendein ganz besonderer Anlass mich dazu verleitet.

Leider muss man zugeben, dass diese Art von Freiheiten immer weiter eingeschränkt werden: ob auf der Arbeit oder in der Schule, alle legen Wert darauf, einen Plan einzuhalten, ihren eigenen "Masterplan" sozusagen, der dann eben heißt: Beginn um 8, Pause um halb zehn, zweite Pause um 13 Uhr und Schluss um 16.30 Uhr.. oder ähnlich. Und das ist für uns noch durchschaubar.

Aber dann gibt es andere Dinge, die in unser Leben genauso eingreifen, ohne dass wir es gleich begreifen: von bedeutungslosen Kleinigkeiten wie dem Supermarkt der bestimmt, zu welchen Zeiten wir einkaufen können bis hin zu wirklich gravierenderen Dingen, wie gesellschaftlichen Konventionen, die oft einigermaßen sinnlos und trotzdem unhinterfragt im Raum stehen. Zum Beispiel indirekte Vorgaben, innerhalb welchen Zeitraums man sein Studium abzuschließen hat und welche Fächer man dort belegen muss um einen Abschluss als "xy" zu kriegen. Oder welche Noten man in der Schule kriegen soll, welche Inhalte der Lehrer vermitteln soll, usw. - ein einfühlsamer, solidarischer Schüler mit lauter Dreien und Vieren bedeutet innerhalb dieses Systems weniger als der fiese Mobber (oder der gleichgültige Snob), der lauter 1en schreibt. Und Emotionalität und Ehrlichkeit bedeutet deutlich weniger als Intellligenz (ein Schema, nach dem viele Menschen auch ihre Freunde aussuchen).

Und ich glaube - entschuldige die ausführliche Abschweifung als Einleitung - dass schon im Schulsystem ein erster wichtiger Punkt liegt, warum die Menschen oft so unzufrieden sind mit ihrem Leben. Denn das Schulsystem hat nie ein Interesse daran gehabt, wirklich ein Ort der Menschenbildung zu sein - und hat es zunehmend immer weniger. Stattdessen zählen die Allokations- und Qualifizierungsfunktionen deutlich mehr. Unter dem Deckmäntelchen der Solidarität werden Kinder dazu dressiert, sich anzupassen und sich selbst gleichzuschalten und sich mit anderen zu messen und in ständiges Konkurrenzdenken zu verfallen. Ein Denken, das sie ihr Leben lang begleitet und das dazu führt, dass Herr Meier mit seinem Volkswagen nicht zufrieden ist, weil sein Nachbar einen Mercedes fährt.

Dieses Konkurrenzdenken führt außerdem dazu, dass man überlegt, was man tun muss, um erfolgreich zu sein. Ist denn Erfolg plötzlich ein Garant geworden für persönliches Glück? Im Sinne des Funktionierens innerhalb der marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft beginnt man, Ängste zu entwickeln, die einem direkt eingeimpft werden. Angst vor der Arbeitslosigkeit, Angst vor der Armut, Angst vor der sozialen Schande der Arbeitslosigkeit, Angst vor Gehaltskürzungen, Kündigungen, Preissteigerungen bei Lebensmitteln, Angst vor der Inflation, usw. usw. Und im weiteren Kreise - durch die zugrunde liegenden Mechanismen, die direkt oder indirekt damit verbunden sind, auch andere Ängste: zum Beispiel Angst vor Ausländern.
Interessanterweise kreiert das aber nicht nur Ängste, sondern auch andere, (vermeintlich) positive Gefühle: Stolz auf den Arbeitsplatz, stolz auf die eigene Karriere, stolz auf die guten Noten in der Schule, ... künstliche positive Gefühle, die eigentlich auf mehr oder weniger eindeutige Absurditäten gerichtet sind bis hin zum Nationalstolz, nur weil man durch einen geographischen oder temporären Zufall eben innerhalb bestimmter, offiziell festgelegter Landesgrenzen geboren worden ist.

Warum erkläre ich das alles? Weil ich glaube, dass hier schon der Schlüssel liegt, für einen Großteil des Alltags-Problems: der Mensch wurde konditioniert sich Dingen anzupassen oder Dinge für wichtig zu nehmen, die eigentlich für ihn relativ bedeutungslos sind. Gut, Geld muss leider verdient werden - auch wenn es sicherlich eine der absurdesten Erfindungen der Menschheit überhaupt ist. Aber wenn ich schon eine Arbeit machen muss, dann sage ich: ich verdiene mein Geld und basta (abgesehen davon, dass sich selbst für die abstrustesten Arbeiten interessanterweise immer noch Menschen finden, die diese Arbeit mögen und sich damit identifizieren können - seien es Kammerjäger, Müllabfuhr, Kanalreiniger, Proktologen oder Versicherungsvertreter). Muss ich, kann ich überhaupt mich z.B. freuen über Geld? Ist es nicht sinnvoller sich zu freuen, dass heute die Sonne scheint? Etwas polemisch könnte man es vielleicht mit dem Satz von Georg Kreisler ausdrücken der sagte:

"Halt mir nur einen kleinen Finger an die rechte Stelle,
die potenzielle
- und dann vergleich die Stelle mit der Stelle wo ein Kraftwerk einiges vollbringt
und stinkt
und Arbeit erzwingt".

Um zurückzukommen zu dem einleitenden Zitat: Das Problem scheint, meiner Meinung nach, zu sein, dass die meisten Menschen nicht wissen, was wichtig für sie ist und was sie eigentlich sind (nicht: was sie wollen - denn man will ja immer viel mehr als man braucht oder als manchmal sinnvoll ist). Und eben aus diesem Problem heraus entsteht ja überhaupt erst der "Alltag", das "alltägliche", die Art von Tagen, die alle gleich aussehen und ablaufen. Weil man nicht begriffen hat, was einem wichtig ist. Wennn man das nämlich verstanden hätte, dann hätte man einen Beruf gewählt, der einem sinnvoll erscheint, auch wenn er vielleicht anstrengend ist. Und dann wäre man immer dabei, sich weiterzuentwickeln, neugierig zu sein und verspielt. Aber die Neugier ist etwas, das einem in der Schule abtrainiert wird - dort wird einem beigebracht, dass es auf alle Fragen eine Antwort gibt und das war's dann. Damit gibt man sich zufrieden. Aber man lernt nicht, überhaupt zu fragen. Es gibt unzählige Dinge, die mir sofort einfallen, die ich extrem interessant finde, über die einfach nie jemand nachdenkt, obwohl sie alle vor unserer Nase sind; einige Beispiele:

Wie funktioniert eigentlich ein Heizköprer? Woher weiß der, wann es warm ist und wie entsteht da genau die Wärme? Wie wachsen eigentlich Bäume? Welche Bäume gibt es? Was unterscheidet sie voneinander? Welche Tiere leben in und auf diesen Bäumen? Woher kommt eigentlich das ganze Wasser auf der Erde wenn doch diese am Anfang angeblich milliarden Jahre lange ein Feuerball war? Wie entstehen Steine? Woher haben Blätter ihre Form? usw. usw.
teilweise sind die Fragen banal, ich weiß es. Aber es lohnt sich trotzdem, sie zu stellen. Die Neugier ist eine der wichtigsten Triebfedern für die Lebensfreude. Kleine Kinder fallen tausend Mal auf die Nase, wenn sie Eislaufen lernen - sind sie davon je genervt? Nein, weil sie es mit Freude machen, weil es eine Freude ist, die Welt zu entdecken und Neues zu erfahren und den eigenen Körper kennenzulernen und das Eis und wie es sich verhält und neue Bewegungen usw. usw.

Ich glaube, dass Neugier eine der Eigenschaften ist, die die meisten Erwachsenen größtenteils verloren haben. Ihre Neugier beschränkt sich darauf, was es abends zu essen gibt, aber nicht mehr darauf zu sehen, wie Caravaggio ein Bild konstruiert hat oder wer Caravaggio überhaupt ist. Sie werden, in Wechselwirkung mit dem Leben das sie führen, "belanglos".

Ein weiterer wichtiger Punkt ist sicherlich die Kreativität. Ich bin der Überzeugung, dass jeder Mensch eigentlich das Bedürfnis hat, etwas kreatives zu tun, zu malen, zu musizieren, zu singen, zu tanzen, zu schauspielern, zu schreiben, etwas zu bauen oder zu basteln, zu schnitzen oder zu kochen usw. usw. - aber auch dieses Bedürfnis wird oft verdrängt und findet sich dann nur noch in Fragmenten im Erwachsenenleben wieder.

Ergebnis des Zusammenspiels all dieser Elemente ist natürlich ein Leben, das ich größtenteils als tatsächlich sinnfrei bezeichnen würde. Man verrichtet Arbeiten, die einem selbst meist sinnlos vorkommen. Man verbringt dann seine Freizeit aber nicht damit, etwas sinnvolles zu tun, sondern man verbringt sie genauso sinnlos: vor dem Fernseher, vor dem Computer, in standardisierten Urlauben, mit blödsinnigen Freunden oder Beschäftigungen, wie z.B. Sportarten, in denen man sich wieder mit anderen messen will, usw. usw.
Man führt auch oft Beziehungen von denen man bei genauerem Nachdenken zu dem Schluss kommen müsste, dass auch sie sinnlos sind - und zwar in allen Bereichen, also sowohl zu Freunden, als auch zum Partner. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wenn ich bedenke, was die Leute um mich herum für Beziehungen führen - und ich frage mich immer noch warum überhaupt. Aber wahrscheinlich geht es auch hier darum, dass man glaubt, eine Beziehung müsse eben sein und wenn gewisse - logisch ausformulierte - Aspekte im potenziellen Partner erfüllt sind, dann ist die Beziehung "sinnvoll". Aber ich kenne, außer mir selbst, niemanden, von dem ich behaupten würde, er hat eine wirklich glückliche Beziehung (na, ein Paar würde mir vielleicht noch einfallen).

Aber unter all diesen Voraussetzungen: fremdbestimmter Tagesablauf, mangelnde Neugier (und damit verbunden: mangelnde Offenheit), unausgelebte und verstümmelte Kreativität und Fähigkeit, sich selbst auszudrücken, kein Verständnis für sich selbst und soziale Beziehungen mit zweifelhaftem Sinn, da glaube ich schon, dass die Leute den "All-Tag" als belastend und nervig empfinden und wahrscheinlich ist es ihrer emotionalen Abgestumpftheit zu verdanken, dass sie nicht suizidgefährdet sind, sondern sich mit Rosamunde Pilcher trösten oder mit Ratgeber-Büchern darüber, wie man ein glückliches Leben führt. Diese Ratgeber, die interessanterweise erklären, dass die Schuld immer ausschließlich bei einem selber liegt und dass man selber daran schuld ist, wenn man unglücklich ist oder wenn in Afrika die Kinder verhungern oder Pakistan Atombomben baut. Ob das wirklich so sinnhaft ist, ist äußerst fraglich.

Man kann also sagen, ein Alltag, der tatsächlich als solcher empfunden wird, also als "all-täglich", gleichförmig, festen Regeln und Strukturen folgend (und zwar bis ins Detail, nicht in Grobheiten, denn auch ich stehe jeden Tag zur etwa gleichen Zeit auf und auch ich esse jeden Tag zur etwa selben Zeit zu abend...), der MUSS ja zwangsläufig als belastend empfunden werden, weil er die eigentlichen menschlichen Grundbedürfnisse bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und verdrängt hat. Wer es nicht schafft, in seinem täglichen Dasein immer wieder Neues zu entdecken, einfach Fragen zu stellen, sich kreativ auszuleben, locker zu sein und auch mal auf der Straße zu singen, weil er glaubt, die anderen hielten einen für untalentiert oder doof, der hat tatsächlich jedes Recht, sich schlecht zu fühlen.

Naja, das ist jedenfalls grob meine Meinung dazu.

Schöne Grüße

3



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